Leseprobe aus "Eine Woche voller Samstage"

Eine Woche voller Samstage

Donnerstag, der 10. Mai

Am Donnerstag wachte Herr Taschenbier von allein auf.

»Nanu«, sagte er. »Weder Weckerklingeln noch Samssingen?«

Er blinzelte nach der Uhr und stellte fest, dass es schon elf war.

»Hätte ich denn singen sollen?«, fragte das Sams. […]

»Natürlich nicht.« Herr Taschenbier gähnte und reckte sich. »Ich fühle mich richtig schön ausgeschlafen.«

»Hab ich mir gedacht«, sagte das Sams schaukelnd. »Ich habe ganz leise gespielt.«

Herr Taschenbier schaute ihm eine ganze Weile zu. [Er] gähnte noch einmal und fragte dann: »Was wollen wir denn heute unternehmen?«

»Vielleicht könnten wir der Rotkohl Wasser in die Schuhe kippen. Oder wir holen uns Käsekugeln und spielen in der Küche Fußball«, schlug das Sams vor. »Dann könnten wir auch noch ein Seil vom Schrank zur Lampe spannen und Seiltanzen üben. Wozu hättest du denn Lust?«

»Ich wüsste schon, was ich am liebsten täte«, sagte Herr Taschenbier und rekelte sich. »Aber das geht nicht.«

»Was wäre das?«, forschte das Sams.

»Am liebsten würde ich einmal einen ganzen Tag im Bett verbringen und überhaupt nichts tun. Höchstens lesen.«

»Und warum soll das nicht gehen?«, fragte das Sams. »Du hast doch heute frei.«

»Na ja, das macht man halt nicht«, versuchte Herr Taschenbier zu erklären. »Stell dir vor, Frau Rotkohl kommt ins Zimmer und ich liege noch im Bett. Was denkt die dann wohl?«

»Was soll die schon denken?«, sagte das Sams. »[…] Und selbst wenn sie denken würde: Herr Taschenbier liegt noch im Bett – was ist denn schon dabei?«

»Ich hätte wahrscheinlich den ganzen Tag ein schlechtes Gewissen.«

»Ein schlechtes Gewissen!«, äffte das Sams nach. »Ich könnte drei Tage im Bett liegen und hätte keines. Höchs­tens Langeweile. Du hast es nur noch nie versucht. Heute bleibst du im Bett, Schluss, aus, abgemacht.«

»Und was soll ich essen?«, fragte Herr Taschenbier.

»Essen?«, wiederholte das Sams. »Du hast gesagt, du willst höchstens lesen.«

»Ich habe aber Hunger.«

»Na gut, du bekommst etwas zu essen«, stimmte das Sams zu. »Aber du musst im Bett bleiben. Ich werde es besorgen.«

»Dort in der Hosentasche findest du Geld. Du kannst zu einer Würstchenbude gehen und mir ein paar Knackwürs­te mit Brot kaufen«, sagte Herr Taschenbier, dem die Idee allmählich Spaß machte. »Ich hebe dich aus dem Fenster, dann kaufst du ein und anschließend ziehe ich dich wieder herein. Die Rotkohl soll nicht merken, dass du immer noch da bist.«

»Das kommt nicht in Frage«, sagte das Sams. »Wenn du einen Tag im Bett bleiben willst, musst du es auch wirklich streng einhalten. Du darfst nicht zwischendurch aufstehen, um mich aus dem Fenster zu heben.«

»Und wie willst du dann hinauskommen?«

»Ich klettere hinaus.«

»Und wie kommst du herein? Du kannst doch nicht allein hochklettern, wenn du das ganze Essen in der Hand hast. […] Also muss ich doch aufstehen, um dir die Knackwurst abzunehmen«, lachte Herr Taschenbier.

»Du bleibst im Bett!«, befahl das Sams. »Das Essen wird schon raufkommen.«

»Wie soll es denn ins Zimmer gelangen, wenn du es nicht raufbringen kannst und ich es nicht holen darf?«

»Dafür sorgt die KBA«, erklärte das Sams.

»Die KBA? Was ist denn das?«

»Die Knackwurst-Bring-Anlage«, übersetzte das Sams.

»So ein Unsinn«, sagte Herr Taschenbier. »Wo ist denn hier eine KBA?«

»Noch ist keine da. Aber schließlich hast du ja ein Sams im Haus«, erklärte es stolz und schlich aus dem Zimmer, ehe Herr Taschenbier weiterfragen konnte.

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