Leseprobe "Sams im Glück" (Teil 2)
„Und die erzählst du mir bestimmt.“
„Ja“, sagte Betty. „Wir haben ein Schaf, das hat einen Vater mit weißer Wolle, und seine Mutter war ein schwarzes Schaf.“
„So was gibt es“, sagte Herr Mon. „Aber ist das schon etwas Besonderes? Nein, ist es nicht.“
„Ist es doch!“, sagte Betty. „Das Schaf ist nämlich vorne weiß und hinten schwarz. Es sieht so aus, als hätte es eine schwarze Hose an. Es heißt Flecky und ist mein Lieblingsschaf.“
„Dann würde es allerdings gut in meinen Zoo passen“, stimmte Herr Mon zu.
„Leider fehlt meinem lieben Mann eine winzige Kleinigkeit zu diesem Zoo“, sagte Frau Mon.
„Die kleinste Maus?“, fragte Betty.
„Nein, das Geld“, sagte Frau Mon. „Anton hat zwar von einem entfernten Verwandten ein großes Grundstück geerbt. Aber wie will er all die Tiere bezahlen?“
„Das lass nur meine Sorge sein, Täubchen“, sagte Herr Mon zu ihr. „Schließlich habe ich seit Jahren darauf gespart. Du wirst stolz sein, wenn erst mal ‚Kuriositäten-Zoo Anton Mon’ auf einem großen Schild über dem Eingang steht. Ja, das wirst du.“
„Wenn schon, dann ‚Kuriositäten-Zoo Anton und Annemarie Mon’“, sagte sie. „Denn, wie ich dich kenne, wirst du dafür nicht nur dein Geld verpulvern, sondern auch mein Sparbuch plündern.“
„Dein Sparbuch? Ja, das werde ich“, sagte Herr Mon überzeugt.
Herr Taschenbier hatte während der ganzen Zeit nichts gesagt. Schweigsam und nachdenklich saß er am Tisch. Schließlich stand er auf und ging leise aus dem Zimmer.
„Macht mein Freund einen melancholischen Eindruck? Ja, den macht er“, sagte Herr Mon, während er Bruno Taschenbier nachschaute.
„Was ist denn malenkolisch?“, fragte Betty.
„Melancholisch!“, sagte Herr Mon. „Da ist man ein klein bisschen traurig.“
Das Sams legte das angebissene Kuchenstück auf den Teller zurück, stand auf und ging Herrn Taschenbier suchen.
Es fand ihn in seinem Arbeits- und Erfinderzimmer unter dem Dach.
Er saß auf einem Hocker, den Rücken an eine sehr große, noch nicht fertig gebaute Maschine gelehnt.
Überall hingen Zeichnungen und Baupläne von großen und kleinen Maschinen, von Luft- und Wasserrädern, merkwürdigen Fahrzeugen und von vielen witzigen Schirmtypen. Da war zum Beispiel ein Ganzkörperschirm für Starkregen zu sehen, ein Sonnenschirm mit Propeller, ein Leuchtschirm und ein Wegweiserschirm mit Navigationsgerät.
Herr Taschenbier starrte vor sich hin, schaute aber auf und versuchte ein Lächeln, als das Sams hereinkam.
„Du musst nicht trübselig sein, Papa Taschenbier“, sagte das Sams.
„Das ist leicht gesagt“, antwortete Herr Taschenbier.
„Worüber denkst du denn nach?“, fragte das Sams.
„Über vieles“, antwortete Herr Taschenbier.
„Ich denke manchmal auch viel über sehr vieles nach“, sagte das Sams. „Dabei mache ich aber nicht so ein Gesicht wie du jetzt, Papa!“
„Wenn ich da unten meinen großen Sohn sehe, merke ich, wie alt ich schon bin“, sagte Herr Taschenbier. „Und wenn ich da unten meinen Freund Mon mit seinen großen Plänen erlebe, spüre ich, wie langweilig mein Leben ist. Jeden Werktag in der Schirmfabrik! Und was darf ich dort erfinden: den Herrenschirm, schwarz, mit Kunststoffgriff. Langweilig! Oder den kleinen Schirm für die Damenhandtasche. Langweilig, langweilig, langweilig! Dabei wollte
ich mal ein berühmter Erfinder werden. Hier diese Maschine …“ Herr Taschenbier zeigte hinter sich. „Diese Maschine sollte mal die ganz große Sensation werden. Die Universalmaschine, die unsere ganze Stadt mit Strom, Wärme und Kälte versorgen kann. Und nun steht sie halbfertig hier oben, weil mir das Geld fehlt, sie fertig zu bauen.“
„Du solltest lieber die Samsregel hundertzwölf befolgen“, sagte das Sams.
„Die du bestimmt gerade erfunden hast!“, sagte Herr Taschenbier. „Wie lautet sie denn?“
Das Sams reimte:
„Denk niemals nicht
an das, was nicht ist,
denk lieber an das,
was du hast, was du bist.“
„Und was habe ich außer diesen nutzlosen Plänen an der Wand?“, fragte Herr Taschenbier.
„Du hast einen riesengroßen Sohn“, sagte das Sams.
„Der in Australien lebt“, antwortete Herr Taschenbier.
„Du hast eine freundlich-friedlich-fröhliche Schwiegertochter.“
„Die Martin nicht daran gehindert hat, nach Australien auszuwandern!“, antwortete Herr Taschenbier.
„Und diese freche, kleine Kröte namens Betty.“
„Ja, und die wohnt auch in Australien auf der Farm von Onkel Alwin und ich seh sie gerade mal zwei Wochen im Jahr“, beklagte sich Herr Taschenbier.
Das Sams überlegte, womit es Papa Taschenbier noch aufheitern konnte.
„Dir gehört dieses schöne Haus!“
Aber auch da wehrte Herr Taschenbier sofort ab.
„Ein Haus, das noch lange nicht abbezahlt ist!“, antwortete er.
„Und du hast die Mama Taschenbier“, sagte das Sams. „Sie wartet unten auf dich.“
Das überzeugte Herrn Taschenbier endlich. Er stand auf. „Du hast ja recht“, sagte er. „Und ich habe dich, das Sams. Komm, lass uns wieder nach unten gehen!“
Als sie unten ankamen, fragte Betty gleich: „Warst du in deinem Erfinderzimmer, Opa?“
„Ja, da war ich. Aber nur ganz kurz“, sagte Herr Taschenbier.
„Warst du da oben melancholisch?“, fragte sie weiter.
Herr Taschenbier lachte. „Wer hat dir denn diese schwierige Wort beigebracht?“, fragte er.
„Aber gut: Solange du bei uns zu Besuch bist, werde ich nicht mal eine Sekunde
melancholisch sein, das verspreche ich dir.“
„Das ist schön, Opa“, sagte Betty und legte sich ein Stück Kuchen auf den Teller.
„He, diese kleine Göre nimmt sich das letzte Stück Apfelkuchen!“, rief das Sams. „Ich soll wohl verhungern?“
„Entschuldigung“, sagte Betty. „Da habe ich mir wohl völlig versehentlich, irrtümlich und unabsichtlich ein Stück zu viel genommen.“
Sie brach ein kleines Stück von ihrem Kuchen ab und legte es auf den Samsteller.
Alle lachten.
„Ist eure Enkelin ausgesprochen witzig?“, sagte Herr Mon. „Ja, das ist sie.“


Das neue Sams









